Kairo brennt - und was kommt dann?

Kairo brennt - und was kommt dann?

Neuer Beitragvon angel » So 30. Jan 2011, 15:52

Was zur Zeit in Ägypten los ist, brauche ich wohl nicht zu wiederholen - und wenn die Nachrichten heute sehr früh noch berichteten, dass "die Lage sich beruhigt" habe, so sind die momentanen Nachrichten ja mehr als beunruhigend. Heute demonstrieren wieder tausende von wütenden Demonstranten und parallel dazu ziehen marodierende Banden umher, plündern und zerstören .... das Ägyptische Museum wurde wahrscheinlich von den eigenen Wächtern und aus den Gefängnissen sind Schwerverbrecher und islamistische Terroristen geflohen ... tja und aus den USA, wo der Präsident Oblabla noch vor wenigen Tagen in seiner Rede zur Nation seinem Bündnispartner Mubarak den Rücken stärkte, kommt gar nichts und aus Europa, das Mubarak auch all die Jahre gefüttert und hochgelobt hat, kommen bisher nur peinliche Statements wie von Westerwelle und Merkel ... plötzlich scheinen alle zu wissen, das Mubarak ein diktatorisches Regime führt ...

was sagte Merkel?
"Wir müssen zu einem friedlichen Dialog in Ägypten kommen, denn die Stabilität des Landes ist natürlich von außerordentlicher Bedeutung. Aber nicht um den Preis der Meinungsfreiheit." Habe die Gewalt kein Ende, seien unschuldige Opfer die Folge. "Deshalb mein Appell an alle Verantwortlichen, diese Gewaltfreiheit sicherzustellen und gleichzeitig Meinungs- und Informationsfreiheit zu ermöglichen."


Deutsche Reiseveranstalter haben übrigens immer noch keine offizielle Reisewarnung herausgegeben und bieten Reisen zu aktuellen Terminen an ... scheins sind es auch die deutschen Touristen, die das Land nicht verlassen wollen (schließlich haben se den Urlaub ja auch bezahlt, jaja ...)

Die überwiegend junge Bevölkerung des Landes hat die Nase voll und ist nicht mehr zu bremsen, sie stellen sich Panzern entgegen und es ist zu befürchten, dass alles nur noch viel schlimmer wird.
Die große Chance, die das Land und die ganze Region und auch Europa jetzt haben, ist, dass das Land wirklich eine Demokratie erlangt - mit freien Wahlen und frei vom Einfluss des Islam in der Regierung. Die große Gefahr aber ist, das sich das Schicksal des Irans wiederholt, die den Schah aus dem Land jagten und auf Demokratie hofften und dann.. ja und dann kam Khomeini und ballerte das Land zurück ins Mitelalter ... oder seh ich das zu schwarz?

Tunesien, Ägypten ... und Unruhen in anderen Ländern wie dem Jemen und Jordanien ... Die Golf-Länder haben genug Geld, um ihre Bevölkerung zu "kaufen" - aber die anderen Länder?

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Re: Kairo brennt - und was kommt dann?

Neuer Beitragvon marie » So 30. Jan 2011, 17:45

Zunächst einmal bin ich entsetzt wegen der Zerstörungen der Kunstschätze, Geraubtes könnte man vielleicht noch mal einsammeln....hoffe ich.
Mein Mann, dessen großes Interesse dem alten Ägypten gilt, ist total geschockt.
Ich habe das allerdings befürchtet, wenn die Dämme brechen, bleibt nirgendwo ein Auge trocken, denn die berechtigste Revolte spült auch immer kriminelle Elemente hoch.
Allerdings hatte ich weniger die Wächter im Auge als islamistische Extremisten, die es ja von jeher auf Kunstschätze abgesehen haben, aus "religiösen" Gründen.
Da kann man als alter "Kolonialist" 8-E nur sagen: Gott sei Dank sind ein paar dieser unersetzlichen Schätze relativ wohlverwahrt in westlichen Museen, so die Nofretete, obwohl der gute Zahi Hawass immer dringlichere Rückgabeverlangen stellt.

Was nach der Revolte kommt, ist nichts Gutes, sage ich als alte Pessimistin.
In der Tat sind die Menschen in dieser Region in der Regel unterprivilegiert und bitterarm (daher verstehe ich die Diebstähle, nicht aber die Zerstörungen) und daher mordswütend. Mordswut führt zu Zerstörung des Alten hat aber keine Kraft zu Errichtung eines guten Neuen.

Die Massen selber können sich nicht so organisieren, dass sich die Menschen zusammentun, um ein neues, gerechtes System zu schaffen. Sie brauchen Führer, da beißt keine Maus nen Faden ab. Und wer ist dort unten, der die Menschen auf den mühsamen, langen Weg zur Demokratie führen kann? Also über Charisma und Anstand und Redlichkeit verfügt, so dass die Menschen ihn anhören.

Das kann schon deswegen nicht klappen, weil ein gerechter Umbau der Gesellschaft Zeit braucht, bis erste Erfolge auch wirtschaftlicher Art da sind.

Ich denke eher, dass nun die Zeit der Heilsversprechen gekommen ist. Mit Religion lassen sich die ungebildeten Massen doch seit jeher manipulieren.
Und wenn was auf dem Weg zur rein irdischen Gerechtigkeit nicht so klappt, hat man schnell Sündenböcke, die Ungläubigen, und außerdem gibts ja noch die Verheißung des Paradieses.
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Re: Kairo brennt - und was kommt dann?

Neuer Beitragvon angel » So 30. Jan 2011, 18:44

tja.... da brennt der Boden und es ist geradezu fatal, wie von manchen Leuten in Europa oder Amerika die Lage eingeschätzt wird ... die Ägypter, die man im Urlaub dort kennen gelernt hätte, wären doch alle so gebildet und freundlich gewesen .... und überhaupt ...es wären doch soo viele Studenten und Studierte ... ich denke mal, dass diese Leute niemals die Millionen von Menschen in den Slums von Kairo gesehen haben und auch wenn vorne weg die Elite und die gebildeten jungen Leute stehen - so werden eben die Massen der Unterprivilegierten in Bildung und Besitz sie überholen, fürchte ich - wenn nicht ganz bald vorneweg ein Führer steht - genau wie Du es schreibst. ( off topic: Oder sollten wir es "Leader" nennen,weil manch einer Dich und mich gelich wieder in die rechte Ecke drängt, nur weil wir ein deutsches Wort schreiben, das in englisch ein bisschen schicker klingt, aber das selbe bedeutet? :-)

Wie gesagt.. denk an den Iran, als die den Schah aus dem Land jagten ... da waren vorneweg auch Intellektuelle, Studenten, westlich orientierte Leute ... und sie wurden alle überrannt, das macht mir Sorgen ..
Seit 5 Tagen versuche ich meinen Freund Tarek und seine Familie zu erreichen, der dort Wüstentouren veranstaltet ... aber weder in seinem twitter noch peer SMS noch per Email sind er oder sein Büro zu erreichen. Sein letzter Bericht klang nicht sehr hoffnungsvoll.
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Re: Kairo brennt - und was kommt dann?

Neuer Beitragvon Mia » So 30. Jan 2011, 19:16

Ich las heute, dass viele Kunstschätze gestohlen wurden und wertvolle alte Stück zu Bruch gingen. Die Diebe nahmen keine Rücksichten. Es ist dort ein Flächenbrand ausgebrochen. Er reicht ja sogar bis auf die arabsiche Halbinsel nach Jemen.

Die Frage ist nun, was daraus erwachsen wird. Ich sehe es nicht in gutem Licht. Mit brachialer Gewalt wird dort vorgegangen. Es wird wieder Friede einkehren. Die Armen werden weiter bettelarm sein, die mitlere Kaste sich abschotten, und die Reichen, Superreiche, die Politiker und die Muftis mit ihrem Anhang werden weitermachen wie bisher und sind weiterhin unnahbar. Es könnte so weit kommen, dass das Land ein zweites Iran wird.

Das wäre besonders tragisch für junge Menschen, insbesondere Mädchen und Frauen.

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Re: Kairo brennt - und was kommt dann?

Neuer Beitragvon fritz_the_cat » So 30. Jan 2011, 19:45

Das einzige Problem auf dieser Erde, das gelöst werden muß, ist die Armut. Egal, ob in Ägypten, Tunesien, Schwarzafrika oder sonstwo. Wenn jeder seinen Teller Suppe am Abend hat und davon satt werden kann, braucht er nicht demonstrieren und zerstören. Es ist genug Geld vorhanden, und auch Lebensmittel gibt es genug. Sie müssen nur gerecht verteilt werden. Und so lange das nicht geschehen ist, wird es immer solche Revolutionen geben.
Dem Volk ist es egal, welche Religion ihnen den Himmel nach dem Tode verspricht, sie wollen jetzt leben.
Gruß Fritz
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Re: Kairo brennt - und was kommt dann?

Neuer Beitragvon angel » So 30. Jan 2011, 20:47

ein frommer Wunsch, Fritz - nur wird das nicht die Lösung sein, die real umsetzbar ist, es werden immer welche da sein, die mehr Suppe wollen als die anderen, auch wenn die dann vergammelt.

Im Moment wäre viel eher zu wünschen, dass Barradei sich zurückhält - wenn die Ägypter alles wollen: Mullas oder Barradei wollen sie nicht
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Re: Kairo brennt - und was kommt dann?

Neuer Beitragvon Ruth » Mo 31. Jan 2011, 10:39

Vom Ausland (Deutschland) her in Ägypten wirken zu wollen, war ebenso unmöglich wie unerwünscht. Schliesslich vergingen nun 30 Jahre Mubarak und bisher gab es international wenig Kritik an seinem Regime. Dass sich das Volk mit allen Schichten und vermutlich auch dem Militär jetzt Luft macht und damit das Geschehen seiner Nachbarn fortsetzt, ist ebenso verständlich wie beänstigend.
Was darüberhinaus Sorgen bereiten muss ist die Existenz Israels, das ja derzeit praktisch weltweit "angegriffen" wird, in Mubarak jedoch (aufgrund des seinerzeit geschlossenen Friedensvertrags) einen einigermassen verlässlichen Partner hatte.
Sollten die "Moslembrüder"ans Ruder kommen, ergäbe sich für Israel eine mehr als nur gefährliche Situation.

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Re: Kairo brennt - und was kommt dann?

Neuer Beitragvon Donaldd » Mo 31. Jan 2011, 10:56

fritz - der Teller Suppe reicht nicht. Ohne Menschnerechte gehts auf Dauer auch nicht.
Das klassische Beispiel dafür ist der Untergang der "DDR": Gehungert hat in der DDR niemand. Trotz "Teller Suppe" gabs den Aufstand.

Hinzukommt religiöser Eifer - Die Muslimbrüder mischen kräftig mit.

Ansonsten halte ich mich mit einer Beurteilung zurück. Dazu fehlen mir die fundierten infos.

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Re: Kairo brennt - und was kommt dann?

Neuer Beitragvon angel » Mo 31. Jan 2011, 11:21

.. und man sollte bedenken, dass Herr Baradei den Moslembrüdern sehr nahe steht ...
OK, diese Vereinigung gilt als "gemäßigt" , aber eine wirkliche Demokratie, wie sie sich die Ägypter wünschen, wird mit denen auch kaum möglich sein -
Das Vorbreschen des Herrn Baradei sollte man wirklich kritisch sehen - zum einen, weil die jungen Demonstranten ihn zur Zeit gar nicht wollen und sein Verhalten irgendwie ein bisschen machtgeil rüberkommt.
Zum anderen ist er den Amis ein Dorn im Auge und auch wenn ich Israel sehr schätze, besteht auch immer noch die Gefahr, dass die Israelis militärisch dort eingreifen und dann wird's richtig schlimm.
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Re: Kairo brennt - und was kommt dann?

Neuer Beitragvon fritz_the_cat » Mo 31. Jan 2011, 11:35

Donaldd hat geschrieben:fritz - der Teller Suppe reicht nicht. Ohne Menschnerechte gehts auf Dauer auch nicht.
Das klassische Beispiel dafür ist der Untergang der "DDR": Gehungert hat in der DDR niemand. Trotz "Teller Suppe" gabs den Aufstand.
Aber ein Anfang wäre mal gemacht. Und es darf ja auch ruhig ein bisschen mehr als ein Teller Suppe sein.
Die "DDR" ist hier in meinen Augen ein schlechtes Beispiel. Es war kein Untergang, sondern "Auferstanden aus Ruinen" zu einem Zeitpunkt, als die Sowjetunion zerfiel und zufälligerweise die Politiker zufälligerweise das richtige taten.
Aber das ist ein anderes Thema und ist hier sicher schon oft genug zerpflückt worden.
Gruß
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