90 Jahre Bauhaus

90 Jahre Bauhaus

Neuer Beitragvon Miriam » Mi 19. Aug 2009, 08:46

In erster Linie einen lieben Dank an Donaldd - er hat den Bereich Kunst nun so schön strukturiert, dass man sich hier richtig breit machen kann.

Es sind nun 90 Jahre her, dass diese Bewegung die in die Geschichte der Architektur und der Kunst allgemein eine so große Rolle spielen solte, das Bauhaus, ursprünglich eigentlich als Kunstschule von Walter Gropius gegründet wurde.

Das Bauhaus sollte sehr bald ein viel breiteres Konzept werden, allgemein blieb der Begriff eher als eine Stilrichtung der Architektur bekannt.

Von wo kommt dieses Unbehagen wenn wir durch unsere Städte gehen und die heutige Architektur und den Städtebau betrachten?

Wahrscheinlich ist es in erster Linie der Mangel an Individualität, eine Art Uniformisierung, die vielleicht auch einer gesellschaftlichen Tendenz entspricht.
Ich denke, Architektur war immer schon ein sensibler Indikator. Wenn wir uns also durch unsere Gebäude eine zweite Haut schaffen die uns vor den Naturereignissen schützen soll, schütz uns diese in der heutigen Zeit aber nicht vor dem Sog, den allgemeinen gesellschaftlichem Trend, besser gesagt dem Zeitgeist – wir bleiben diesem so zu sagen ausgeliefert.

Das Bauhaus ist vielleicht das beste Beispiel eines Zeitgeistes der sich in der Architektur und auch weitgehend in der Kunst ausdrückt.
Andererseits betrachtet man zu Recht das Bauhaus zum Teil als eine Konkretisierung von Einsteins Vorstellung der Einheit von Raum und Zeit, wahrscheinlich ist dies auch die Erklärung dafür, dass das Bauhaus für uns auch heute noch so faszinierend ist.

Es sind hauptsächlich die Architekten des Bauhauses die sich intensiv mit Einsteins Theorien befasst haben – so entstand zu jener Zeit der Begriff des fließenden Raumes.

Mies van der Rohe ist einer derjenigen, der die Einheit von Raum und Zeit in sein architektonisches Werk als erster umsetzt. Dieser Gedanke von Einstein ist zwar in jener Zeit schon vielen bekannt - nun aber entstehen Elemente, die eigentlich die Einheit von Raum und Zeit sichtbar machen sollen.
Konkret sind dies offene Grundflächen, tiefe Fluchten, man benutzt sehr oft das Glas als Bauelement - wobei das Glas es erlauben soll, räumliche Distanz transparent zu machen.

Bild

Beispiel für "fließende Räume"

Natürlich ist auch Walter Gropius einer der Repräsentanten des Bauhauses, der sich in seinem Werk mit den fließenden Räumen befasst hat.
Alle diese Experimente fanden eher in den USA statt, da die Künstler des Bauhauses emigrieren mussten.

Doch es ist nicht nur die Architektur, die von Einsteins Ideen beeinflusst wird.
Die Schriftsteller sind auch beeinflusst von der Vorstellung, dass Raum und Zeit eins werden. Es geht hauptsächlich darum, dass die Zeit nicht mehr linear verläuft, also entsteht auch in der Sprache die Simultaneität.
Die sprachliche Umsetzung dieses Postulats, findet sich wieder z.B. bei Robert Musil und auch bei Thomas Mann.

Zurück zu Albert Einstein: ist es nicht so, dass uns bei ihm unter anderem auch dies so fasziniert?
Seine Persönlichkeit ist simultan spürbar in so vielen Bereichen seiner Zeit.

(Fortsetzung folgt - eine evtl. Diskussion ist aber schon jetzt erwünscht.)

Bis später

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Re: 90 Jahre Bauhaus

Neuer Beitragvon Miriam » Do 20. Aug 2009, 17:10

Zweiter Teil

Nun möchte ich nochmals zurück zu dieser Synthese zwischen Raum und Zeit die im Bauhaus durch seine Architekten konkretisiert wurde.
Dieses Prinzip der Relativitätstheorie von Einstein welches Bestandteil der theoretischen Physik ist, wurde den Künstlern in Weimar von Paul Klee erörtert. Er beließ es aber nicht nur bei Einsteins Theorie, sondern versuchte eine Synthese mit naturphilosophischen Ideen zu schaffen.

Warum ich dies hier kurz erwähne: weil es wieder mal die Vielseitigkeit der damaligen Künstlern beweist - und vielleicht auch unser bleibendes Interesse an jene Kunstepoche erklärt.

Noch etwas stimmt sehr nachdenklich, wenn wir auf das Bauhaus zurückblicken:
Den Auffassungen des Gründers Walter Gropius folgend, wurde die Kunsthochschule in Weimar mit der Kunstgewerbeschule die von Henry van der Velde geleitet wurde, vereint.

Damit beabsichtigte Gropius einen Schlussstrich zu setzen jener "Anmaßung", die nach seiner Meinung Handwerk und Kunst trennten. Er nannte diese künstliche Trennung die zwischen den beiden gleichermaßen am Bau beteiligten bestand, "eine hochmütige Mauer zwischen Handwerkern und Künstlern".

Diese neuen Ideen wurden von den Weimarer Konservativen mit Missbilligung betrachtet, was gravierende Konsequenzen haben sollte.
Als der Landtag 1924 neu gewählt wurde, bekamen die Befürworter des Bauhausprojektes keine Mehrheit mehr - die Konservativen die nun an der Macht waren, kündigten die Verträge mit dem Bauhaus und mit Gropius.

Das Bauhaus zog nach Dessau um – in einer ersten Zeit konnten da noch wichtige Projekte umgesetzt werden, zum Beispiel die Siedlung Dessau oder die Meisterhäuser aber der politische Druck auf die Gruppe entstand nun auch hier.

Bild Bild

BildBild

Weltkulturerbe - Meisterhäuser in Dessau -
Der Name Meisterhäuser bezieht sich auf die ersten Einwohnern, es waren Bauhaus-Lehrer die für Walter Gropius arbeiteten.

Im Herbst 1932 wurde das Bauhaus geschlossen, es folgte für kurze Zeit ein Umzug nach Berlin – doch hier wurden die Bauhäusler von den Nazis so verfolgt, dass das endgültige Ende des Bauhauses in Juli 1933 folgte.
Der Rest ist wahrscheinlich bekannt: die bekannten Architekten emigrierten hauptsächlich in die USA aber auch nach Israel, in Tel Aviv befindet sich noch heute eine der größten Siedlungen im Stil des Bauhauses.
Paul Klee und Wassily Kandinsky verließen noch 1933 Deutschland.

(Fortsetzung folgt)


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Re: 90 Jahre Bauhaus

Neuer Beitragvon Donaldd » Fr 21. Aug 2009, 02:37

Viele Dinge, die in der Bauhauszeit entstanden sind, haben inzwischen zeitlosen Kultstatus erlangt.

Wir lieben unsere LC4-Liege des Bauhaus-Designers und Architekten Corbusier.

Dein Artikel erinnert mich an die ewigen Streifzüge vergangener Zeiten durch Berlin mit einigen Architektur-Studenten
Kein wichtiges Haus der Bauhauszeit wurde ausgelassen....
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Re: 90 Jahre Bauhaus

Neuer Beitragvon Miriam » Sa 22. Aug 2009, 12:35

Lieber Donaldd,

auch ich machte meine Streifzüge durch eine andere Stadt - erst nicht wissend an was mich dies alles so sehr erinnert. Plötzlich fiel der Groschen: ich befand mich in einem Viertel das praktisch nur im Bauhausstil gebaut war. Und es nahm kein Ende - wie in einem schönen Traum in dem Bilder plötzlich zur Wahrheit werden!

Dies war vor Jahren - in Tel Aviv. Diese Stadt hat die größte Bauhaussiedlung(en) der Welt - ein wahres begehbares Museum.

Warum das so ist? Das erzähle ich in einem späteren Beitrag.

Bis dannn

Mensch - ich muss ja putzen!
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Re: 90 Jahre Bauhaus

Neuer Beitragvon angel » Sa 22. Aug 2009, 12:58

Hallo Miriam . ich lese mit Spannung und freu mich auf die Fortsetzung, wenngleich ich mir bei Tel Aviv schon einiges denken kann:-)

Ich hatte so ein AHA-Erlebnis in den frühen 70ern, als ich das erste Mal in Miami Beach war - damals war South Beach noch völlig verkommen, all die kleinen Hotels schmuddelig und überall lungerten Rentner und warteten auf irgendwas. Trotzdem nahm mich dieser Teil der Stadt gefangen, denn die Häuser, mochten die Fassaden auch noch so blind und heruntergekommen sein, strahlten eine undefinierbare Frische und Eleganz aus - irgendwann sollte das alles abgerissen werden doch dank gewaltiger Proteste konnte das Viertel gerettet werden und ist heute als Art Déco District überhaupt DAS Highlight der Stadt!

Hier eine schöne Fotoserie dazu
http://www.arizonas-world.de/html/miami ... stric.html

Nun ist Bauhaus natürlich nicht gleich Artdéco - dazwischen liegen Welten: das eine kühl und sachlich, das andere verspielt und ornamentalisch und trotzdem - irgendwie passen sie zusammen, oder hab ich nur so einen schlechten Geschmack? :lol:
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Re: 90 Jahre Bauhaus

Neuer Beitragvon eleonore » Sa 22. Aug 2009, 21:54

nächste woche mehr dazu, nach besuch in gropius bau samt kamera.

als entree haben wir und eine brandt aschenbecher gekauft.
alessi hat der copyright darauf.

http://www.artvoll.de/advanced_search_result.php?keywords=alessi&categories_id=365&inc_subcat=1&manufacturers_id=1&pfrom=&pto=&x=61&y=12&gclid=CKSt77OFuJwCFREgZwodXHgYnw
In der Auswahl seiner Feinde kann man nicht sorgfältig genug sein.

Oscar Wilde
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Re: 90 Jahre Bauhaus

Neuer Beitragvon Miriam » Mo 24. Aug 2009, 13:03

Zuvor hatte ich einen langen Beitrag geschrieben - als ich ihn absenden wollte, ist er verschwunden. Den Hauptteil hatte ich schon in Word übertragen - nach dieser Erfahrung werde ich die gesamten Entwürfe, bevor ich sie hier auf Euch loslasse, kopieren.

Liebe Angel und Eleo - Eure Beiträge haben mich sehr gefreut - Angelika, der Vergleich Bauhaus und Artdéco scheint mir sehr interessant - werde die Tage versuchen darüber etwas zu lesen.

Auf deinem Besuch im Gropiushaus bin ich sehr gespannt Eleo - und freue mich auf deinem Bericht bzw. Fotos.

Nun weiter zum Bauhaus - erst zur Entspannung einige Bilder. Zur Erinnerung: Die Namen der einzelnen Meisterhäuser bezogen sich auf die ersten Einwohnern, es waren Bauhaus-Lehrer die für Walter Gropius arbeiteten.


Bild1.Bild2.Bild 3.Bild 4. Bild 5.
Bild 6.

1.- Meisterhaus Moholy-Nagy, um 1926
2.- Blick zum Direktorenhaus, um 1926
3.- Meisterhaus Feininger, um 2004
4.- Meisterhaus Kandinsky-Klee, um 2004
5.- Wohnzimmer im Feininger Haus
6.- Wohnzimmer im Haus Muche / Schlemmer

Wenn ich mich hier relativ intensiv mit dem Bauhaus befasse, ist sicherlich nicht der einzige Grund seine ästhetische oder seine funktionale Seite, sondern die vielen anderen Facetten die er uns auch noch bietet, zum Beispiel die philosophische bzw. wissenschaftliche Seite, also diese Raum-Zeit Synthese, durch die man an die große Persönlichkeit von Albert Einstein anknüpft:

"Das Schönste, was wir erleben können, ist das Geheimnisvolle. Es ist das Grundgefühl, das an der Wiege von wahrer Wissenschaft und Kunst steht. Wer es nicht kennt und sich nicht mehr wundern oder staunen kann, der ist sozusagen tot und sein Auge erloschen."

(Albert Einstein)


Ihm ist es wie fast keinem anderen gelungen Wissenschaft mit Kunst zu verbinden – außerdem Architekten und Künstler für seine "vierte Dimension“ zu begeistern.

Es ist natürlich auch die soziale Komponente die so überzeugend ist, die leider durch das Aufkommen des Nationalsozialismus in Deutschland ein jähes Ende fand (Ich berichtete über die Auffassung von Walter Gropius, der es als Anmaßung betrachtete, eine Mauer zwischen Kunst und Handwerk zu errichten, bzw. bestehen zu lassen.

Bild

Walter Gropius

Hier noch ein Link, der mir interessant scheint zum Thema "Vierte Dimenssion"

http://www.br-online.de/wissen/forschun ... 779818.xml

Bis zum nächsten mal - denn natürlich:

(Fortsetzung folgt)
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Re: 90 Jahre Bauhaus

Neuer Beitragvon Donaldd » Di 25. Aug 2009, 12:26

@miriam

sehr schöne Bilder zum Thema

pack das doch mal in eine galerie. Die Bilder werden dann auch per zufallsauswahl im Portal gezeigt.
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Re: 90 Jahre Bauhaus

Neuer Beitragvon Miriam » Mi 26. Aug 2009, 15:52

Donaldd - die Bilder im Thread sind nicht von mir.

Mir wäre es lieber, wenn ich in der Galerie einige meiner Aquarelle einsetzen würde - die können doch auch als Zufallstreffer gezeigt werden? Was denkst du über diesen Vorschlag?

Ausserdem habe ich unendlich viel in Israel fotografiert, muss die Bilder aber alle digitalisieren lassen. Leider hatte ich in Tel Aviv nicht diese Bauhaus-Viertel fotografiert.

Liebe Grüße

Miriam
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Re: 90 Jahre Bauhaus

Neuer Beitragvon Miriam » Do 10. Sep 2009, 09:30

Mit der Fortsetzung des Themas Bauhaus habe ich nun mehr gewartet als ich es wollte - aber mit Rücksicht auf dem Umzug, dachte ich mir man sollte nicht auch noch ganze Häuserreihen transportieren müssen.

Nun setze ich das Thema doch fort - und möchte noch einige Beispiele zum wichtigen Aspekt Raum und Zeit zeigen - denn diese Simultaneität ist natürlich bildhaft am besten zu erfassen.

Dazu nun einige Beispiele aus der Malerei:

Marcel Duchamp: Akt eine Treppe herabsteigend

Bild

In diesem Beispiel wird die Simultaneität von Raum und Zeit bildnerisch dargestellt, indem alle Schritte der Figur die eine Treppe herabsteigt, als Simultanbewegung festgehalten werden.

Aus dieser Perspektive sind vielleicht die zahlreichen Portraits von Picasso am besten zu begreifen, bei denen zwei zeitlich aufeinander folgende Momente im Raum simultan gezeigt werden, meist sind es eine Sicht en face und die zweite im Profil.

Bild

Bild

Bild

Was die Architektur betrifft, war es hauptsächlich Mies van der Rohe der bestrebt war diese Einheit von Raum und Zeit in seinen Bauten sichtbar zu machen.
Ich erwähnte schon, dass er deswegen bei seinen Bauten sehr oft Glas benutzte, die von ihm geschaffene Grundflächen sind offen, er schafft tiefe Fluchten – also viele Elemente die geeignet sind den Raum - eigentlich die Distanz - zu überbrücken.
Man könnte vielleicht auch sagen: was man sonst in der herkömmlichen Architektur (vor dem Bauhaus) betrachtete, sind eigentlich mehrere, für unsere Wahrnehmung zeitversetzte Bilder. Die Architektur des Bauhauses ist bestrebt das simultane Betrachten mehrerer Elemente, mehrerer Facetten, zu ermöglichen.

Bild Bild Bild
Bild</center>

Zum Schluss hier noch ein Zitat von Mies van der Rohe:

"Architektur beginnt, wenn zwei Backsteine sorgfältig zusammengesetzt werden. Architektur ist eine Sprache mit der Disziplin einer Grammatik, man kann Sprache im Alltag als Prosa benutzen, und wenn man sehr gut ist, kann man ein Dichter sein."

Mies van der Rohe

(Fortsetzung folgt) - Gruß in die Runde

Miriam
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